12.04.2012 - 10:09

Interview mit Rollstuhl-Basketball Nationalspielerin Maya Lindholm

Maya Lindholm 01

„Es wird noch oft auf die Tränendrüse gedrückt – Behindertensport und die armen Menschen…“

Rollstuhl-Basketballerin Maya Lindholm hat vor Kurzem ihr dreimonatiges Praktikum in der Ergotherapie-Abteilung des BG Unfallkrankenhauses Hamburg Boberg (BUKH) abgeschlossen. Schon hat die 21-Jährige die nächsten Ziele vor Augen: Eine Ausbildung, den Führerschein und natürlich die Paralympics 2012 in London.

Hallo Maya, Du hast ein Praktikum in der Ergotherapie des BUKH gemacht – worum geht es in diesem Therapiebereich?
In der Ergotherapie geht es darum Menschen die Selbständigkeit im Alltag zu ermöglichen, die sie vorher verloren haben. Die Patienten kommen aus ganz unterschiedlichen Abteilungen zum Beispiel aus dem Querschnittgelähmtenzentrum oder aus der Neurologie.

Patienten aus der Handchirurgie kommen, um wieder schneiden zu lernen oder kriegen Hilfsmittel, um z.B. ein Glas ins Regal zu stellen. Andere lernen sich wieder selbständig anzuziehen.

Und was war Dein Aufgabenbereich?
Ich habe mit den Patienten viel Ess-Training gemacht, sie beim Anziehen unterstützt und mit ihnenTransfers geübt.

Transfers?
Das ist wenn man sich vom Rollstuhl ins Bett oder z.B. ins Auto umsetzt. Man lernt auch das Verladen des Rollis ins Auto oder übt das Fahren mit dem E-Rolli (Elektrischer Rollstuhl) hier auf dem Gelände. Mit den Patienten aus der Handchirurgie habe ich viel Funktionstraining wie Kneten oder Körbe flechten gemacht.

Wie war es hier im Haus zu arbeiten?
Es hat mir richtig gut gefallen. Ich hatte einen guten Draht zu allen, vor allem zu meinem Team und der Querschnittabteilung. Die Leute sind alle sehr nett. Es hat auch sehr gut geklappt mit den Patienten, weil sie zu mir oft offener waren als zu Fußgängern.

Wie bist du auf die Ergotherapie gekommen?
Nach dem Abitur war ich in der Findungsphase und habe überlegt was ich machen könnte. Ich bin recht kreativ, bastele gerne und wollte schon immer mit Menschen arbeiten, auch im medizinischen Bereich – und die Ergotherapie vereint das alles.

Boberg mit dem Querschnittgelähmtenzentrum hat sich für mich angeboten, nicht nur weil ich in der Nähe wohne, sondern weil ich auch mit Rollstuhlfahrern arbeiten wollte.
Mir ging es im Praktikum vor allem auch darum herausfinden, ob ich mit meiner Behinderung den Job überhaupt machen könnte. Hier habe ich festgestellt, dass es auf jeden Fall geht!

Kannst Du Dir vorstellen später als Ergotherapeutin zu arbeiten?
Ja, ich fange am 02. Mai eine dreijährige Ausbildung zu Ergotherapeutin an.

Die meisten Leute kennen Dich als Rollstuhl-Basketballerin vom HSV oder vom Nationalteam. Wann hast Du mit dem Sport angefangen?
Ich spiele seit Ende 2005. Angefangen hat es als Hobby hier in Boberg bei Peter Richarz, er war mein erster Trainer. In der Nationalmannschaft bin ich seit 2009.

Du warst schon nach drei Jahren im Nationalteam?
Ich war relativ schnell drin, weil es nicht so viele Frauen gab – und wenn man einigermaßen talentiert ist, dauert es auch nicht so lange.

Darf ich fragen seit wann Du einen Rollstuhl benutzt?
Ja, ich benutze den Rolli seit November 2004 wegen einer Rückenmarksentzündung durch die ich von heute auf morgen nicht mehr laufen konnte. Es gab im Vorfeld keinerlei Symptome und die Ärzte konnten bis heute keine eindeutige Diagnose stellen, weil so etwas wohl sehr selten vorkommt.

Warst Du schon immer sportlich?
Nein, ich hatte früher gar keinen Sport gemacht. Als ich in der Rehabilitation in Geesthacht war wurde mir gesagt: „Maya, Du musst was machen. Fang mal mit Sport an!“ Ich hatte mich zunächst total dagegen gesträubt, bin dann aber nach Boberg in die Basketballgruppe und war total begeistert. Ich musste sozusagen zu meinem Glück erst gezwungen werden.

Was sind Deine größten sportlichen Erfolge bis jetzt?
Das Größte war für mich das WM Finale 2011 in Birmingham und inzwischen war ich auch zweimal Europameisterin.

Dieses Jahr finden ja vom 29.08 – 09.09. die Paralympics in London statt – wie stehen Eure / Deine Chancen dabei zu sein?
Da Deutschland Europameister ist, sind wir mit dem Team bereits direkt qualifiziert und für mich stehen die Chancen auch relativ gut. Bei uns muss man ja ein bisschen nach Klassifizierung gehen. Es gibt mit mir drei Spielerinnen, die 2.5 Punkte haben und die zwei besten setzen sich am Ende durch.

Anm. der Redaktion:
Um einen Ausgleich zwischen Menschen mit unterschiedlich starker Behinderung zu erzielen, gibt es im Rollstuhlbasketball ein Punktesystem. Dieses richtet sich nach der Bewegungsfähigkeit. Die niedrigste Punktzahl und damit höchste Behinderungsstufe stellt die 1,0 dar. Spielerinnen und Spieler ohne Behinderung werden mit 4,5 bewertet.

Wie bereitet sich das Nationalteam auf die Paralympics vor?
Wir haben erst Sichtungslehrgänge: den nächsten in Frankfurt, an Ostern sind wir in Sheffield, wo wir ein Turnier spielen und danach fahren wir noch zum Paralympic World Cup nach Manchester. Anschließend sind wir zwei Wochen in den USA, zwei Wochen in Australien usw. – wir haben also viel, viel Training.

Wo kann man Euch spielen sehen?
Dieses Jahr spielen wir in Frankfurt beim 4-Nationen Turnier. Ansonsten gibt es vom Paralympic World Cup einen Live-Stream im Internet und 2013 findet die Europameisterschaft in Frankfurt statt.

Wo findet man Euch im Netz?
Auf team-germany.de und sonst auch über die Seite des DRS (Deutscher Rollstuhlsport-Verband).

Spielt Ihr auch mit Männern zusammen?
Ja, im Ligabetrieb spielen Männer und Frauen zusammen.

Was wünschst Du Dir für Deinen Sport?
Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit: Dass wir beim HSV mehr Zuschauer in die Halle locken können, weil es echt wenige sind.

Für den Sport allgemein wünsche ich mir mehr Anerkennung. Viele Menschen, die erstmal beim Spiel dabei waren, sagen: „Es war so toll und so geil!“ Nur irgendwie ist es noch nicht richtig angekommen bei den Massen. Manche kennen es auch aus dem Fernsehen, aber aktiv hingehen…

Doch generell ist es schon besser geworden und ich denke, dass durch die Paralympics in London noch Einiges passieren wird.

Außerdem ist mir noch wichtig, dass Behindertensport auch sportlich gesehen und nicht immer auf der Behindertenschiene gefahren wird. Es wird noch oft auf die Tränendrüse gedrückt: Behindertensport und die armen Menschen…

Welche Frage zu Rollstuhlbasketball wird Dir am meisten gestellt?
(Schmunzelt) Hängt der Korb genauso hoch wie bei den Fußgängern? Oder ist das Feld genauso groß?

Und wie lautet die Antwort?
Ja!

Maya, vielen Dank für das Interview! Wir wünschen Dir viel Erfolg im Sport und bei der anstehenden Ausbildung.

Interview: 23.03.2012 von Maria Surzukova

Fotos: DRS / Malte Wittmershaus

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