Seelsorge

Die Sehnsucht nach Sinn und Ganzheit

»Ich bin neunzehn, da fängt das Leben doch erst richtig an …
Ich weiß nicht, ob ich so leben kann.«

»Warum muss gerade mir so was passieren?«

»Das wird wieder besser … das muss wieder besser werden; anders geht das gar nicht.«

»Ob meine Freundin mich jetzt verlässt? Ich bin doch nur noch ein Krüppel.«

»Ist das eine Strafe Gottes?«

»Ich kann diesen Rollstuhl nicht akzeptieren. Ich hasse ihn!«

In religiöser und in nichtreligiöser Sprache beschäftigen sich fast alle Patient/inn/en am QZ mit solchen oder ähnlichen Themen und Fragen. Eine Querschnittlähmung hat neben den körperlichen massive seelische Auswirkungen. Alles, aber auch alles, hat sich von einem Augenblick auf den anderen völlig verändert, der Boden ist buchstäblich unter den Füßen weggezogen. Die alte Sicherheit und das Vertrauen in das Leben sind zerbrochen. Der eigene Wert, ja die eigene Würde scheinen infrage gestellt. Die Seele muss einen Schock verarbeiten – und danach lange Aufbauarbeit leisten.

 Raum der Stille

Raum der Stille

Fragen, Sorgen, Zukunftsphantasien: Gerade in der ersten Zeit, wenn der Blick fast ausschließlich an die Zimmerdecke gerichtet ist, drängen sie sich auf und nehmen viel Raum ein. Seelsorge, für die Seele sorgen, das heißt zunächst einmal einfach da sein, Zeit haben, zuhören und schweigen können, mitfühlen mit dem Schrecken, das Furchtbare und die Ängste mit aushalten. Es heißt, den Tränen Raum geben und die Hoffnung leise wach halten, heißt Begleitung sein in diesen Wochen und Monaten durch Höhen und Tiefen und die Mühen der Ebene. In aller erster Linie geschieht diese Begleitung im Gespräch, auf Wunsch auch durch Gebet und Segen oder z. B. die Feier des Abendmahles oder die Teilnahme am Gottesdienst. Und nicht selten heißt Seelsorge auch Begleitung der Angehörigen oder Freundinnen und Freunde. Denn die sind – wenn auch auf andere Weise – nicht weniger heftig von dem so tiefen Bruch betroffen.

 Seelsorge: Pastor M. Brems mit Patientin

Seelsorge: Pastor M. Brems mit Patientin

Ist der Blick am Anfang des Aufenthaltes häufig zurück in die Vergangenheit und auf das Verlorene gerichtet, wachsen mit der Zeit in der Regel die inneren (und äußeren) Kräfte und richten sich die Patient/inn/en zunehmend auf die Zukunft und ihr neues Leben als Querschnittgelähmte/r aus. Jede/r muss dabei einen eigenen Weg finden zwischen Annahme und Widerstand. Es geht darum, dass die Seele neuen Halt, neue Sicherheiten und neuen Mut findet und eine Perspektive, für die es sich – trotz allem – zu leben lohnt. Und für so manchen ist der Glaube eine Hilfe auf diesem Weg: Hilfe, sich auszurichten auf das, was größer ist als ich, auf dieses letzte Geheimnis, aus dem wir kommen und in das wir gehen und das uns näher ist als wir uns selbst; etwas das mir Würde gibt und vielleicht Kraft, Hoffnung und Geborgenheit.